Rezensionen über Musikstücke, die im P.J. Tonger Musikverlag erscheinen.

Instrumentalmusik

Jürgen Golle, Zwanzig Spielstücke zum besonderen Zeit­vertreib am Klavier

Tonger, Köln 2003, 24,-E

"Besonders" ist ein "Zeitvertreib" mit einem Musikinstrument ja eigentlich immer; für den einen besonders anregend, für den anderen besonders entspannend, für den dritten eine Herausforderung der speziellen Art: Schafft er es, die fingertechnische Aufgabe zu meistern und "nebenbei" auch noch Musik zu machen?

Er schafft es als fortgeschrittener Schüler anfangs prima vista, im Verlauf mit etwas Übung noch recht leicht, als mittlerer Klaviereleve mit einiger Konzentration und Freude am nicht ausschließlich virtuosen, sondern musikalisch differenzierten Spiel mit Jürgen Golles Zwanzig Spielstücken, sich diesem einen "besonderen Zeitvertreib" hinzugeben. Golles bewusste Titelanleihe bei Bach stellt die spielfreudige Musikantin gleich in kleine polyfone Stegreifformen (Präludium 1), in denen sie das Cantabile-Spiel in für diese Form ungewöhnlichen harmonischen Verläufen üben kann, führt sie weiter in eine kurze Etüde, die noch keine großen Anforderungen an die Fingerfertigkeit stellt, in ihrer Prägnanz aber ein hübsches Vortragsstück ist, leitet abwechslungsreich über zum Arioso, in dem sie sanglich an überschaubaren Stellen, in Melodie und alter Tanz großräumiger an ihrer geteilten Hand feilen kann und gipfelt in einer debussyschen Arabeskenform mit einer Variation über Nun ruhen alle Wälder, in der sie atmosphärische Zaubertöne anschlagen darf, die allerdings keineswegs nur impressionistisch schweben.

Golles Sammlung ist progressiv geordnet und bietet Klavierpädagoginnen didaktisch durchdachte Aufgabenfelder, anhand von originellen Vortragsstückchen gut liegende pianistische Grundsatzfragen zu klären. Die Spielanweisungen sind in einem sinnvollen Rahmen gehalten und lassen Luft für eigene Interpretationen. Jürgen Golles Kompositionen sind geprägt von im Kern einfach gehaltenen melodischen Einfällen, die er raffiniert in unkonventionelle Brüche führt, die bisweilen allerdings melodisch auch nicht immer überzeugend logisch erscheinen. Harmonisch bewegt er sich in einem gemäßigt modernen Rahmen; leichte Jazz-Anklänge sind unverkennbar ohne jedoch zu dominieren.

Golle verhindert ein allzu nahe liegendes Verkitschen durch klare kompositorische Formen und immer wieder durch eine überraschende Harmonik, die in pikanter Dissonanzbehandlung die SpielerInnen klanglich faszinieren wird und eine willkommene Überleitung zur klassischen Literatur bilden kann. Ein schöner Zeitvertreib am Klavier, der viel pädagogische Erfahrung erahnen lässt.

Christina Kurth in Üben und Musizieren 2/05

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Hanno Haag (geb. 1939), Due e Tre. Trio für Flöte, Violine und Viola

op. 48 (1994). Part. u. St., Tonger 2996-0 PJT. ISMN M-005-29960-8.

In der Serenaden-Besetzung von Beethovens op. 25 und Regers op. 77a fordert Haag für 16 Minuten den energischen Zugriff zu zweit oder zu dritt heraus. Hier darf man nicht zimperlich sein, um mal con eleganza oder cantabile, mal ben ritmico ein rasantes Musikantenstück voller Gegensätze, in dem sich die Klänge hart reiben, effektvoll zum Klingen zu bringen.

Eckart Rohlfs in nmz 6/05

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Theodor Hlouschek, Trio ombroso für Viola, Violoncello und Kontrabass

Partitur und Stimmen, Tonger, Köln 2003, 29,20 €

Es sind die "schattigen", dunklen Klänge, die mit dieser kammermusikalischen Besetzung verbunden sind: Viola, Violoncello und Kontrabass verbinden sich zum Trio ombroso. Theodor Hlouschek hat für diese seltene Besetzung eine Komposition geschrieben. Die Kombination verspricht aufregende , "verdämmerte" Farben. Doch der Komponist, Jahrgang 1923, überrascht, weil er nicht die Klischees der dunklen Instrumentalmixtur bedient.

Sein Trio, handwerklich sicher und souverän gearbeitet, beginnt mit einem Andante, in dem im Rubato-Stil auf das Thema vorbereitet wird. Hlouschek, der aus Brünn stammt und seit 1951 über Jahrzehnte an der Weimarer Franz-Liszt-Musikhochschule unterrichtete, wählt schließlich als Kern eine gemäßigt temperamentvolle Melodie ("Larghetto") aus dem mährisch-slowakischen Umfeld als gedanklichen "Leitfaden". Er stellt dieses liedhafte Raster zunächst genießerisch vor, um es anschließend 13 mal zu variieren. Dabei belegt der Tonschöpfer die Kunst der Farben und der Rhythmen, er kontrapunktiert und kontrastiert das Thema, zu dem er schließlich im Finale zurückkehrt.

Theodor Hlouschek benutzt typische Klangmittel seiner Heimat: Darunter sind zu verstehen das anheimelnde "Zigeuner-Moll", die frechen und tänzerischen Synkopensprünge und eine gelegentlich zum Mitsingen (-summen!) animierende Terzenbildung. Das ist nicht sensationell, aber diese Musik besitzt den Charme einer gehobenen Gebrauchsmusik. Das Stück lädt die Streichergruppe Viola/Cello/Bass geradezu ein. Auf die Interpreten kommen keine unlösbaren Aufgaben zu, sondern Hlouscheks Partitur wird nach wenigen Takten angenommen und bietet sich als dunkelprächtige Farbe für Musik unserer Zeit an.

Mit einer Fuge, mit der das Trio ombroso endet, dokumentiert Hlouschek, dass er auch dieses Abc der Musiksprache beherrscht. Er führt sie nicht im strengen Bach-Sinne aus, sondern geht mit Elan und musikantischer Motorik auf die Zielgerade. Das Werk ist für diese Raritätenkombination zu empfehlen. Es ist als aktuelle Komposition dankbar und substanziell ergiebig. Und nebenbei weist Hlouschek auf die Variationsraffinesse selbst bei mittelschwerer Praxis hin.

Jörg Loskill in Das Orchester 3/05

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Michael Gregor Scholl, Ciaccona per violino

Ton­ger 2003, 2837-1 P.J.T.

Urgewaltig, diese Ciaccona. Auf dem Laufsteg entfacht ihr Erscheinen Atemlosigkeit, betäubte Leidenschaft. Sie wiegt ihre Hüften nicht tänzelnd, sondern eher mit kräftig wippendem Bogengang, die Polyphonie suchend, sich verlegen im Kreise drehend, eine thematische Transformation durch die vielfältigen Möglichkeiten eines Streichinstrumentes, und in dieser visionär spröden Endlosigkeit schüchtern den Bachschen Mantel festhaltend.

Obwohl in der dreiteiligen Form, Tonart, Gestus und Aufbau dem geistigen Übervater angenähert, entgleitet ihr der barocke Mantel doch verführerisch, darunter erscheint ein faszinierend schräges Lagerfeld-Outfit, sozusagen eine Akkordkombination aus hellgrüner und rotweißgestreifter Pippi-Langstrumpf-Socke zum schwarzen Abendkleid. Scholl wurde 1964 geboren und kann bereits auf zahlreiche Aufführungen und Rundfunksendungen seiner Werke zurückblicken. Auch diese Ciaccona wurde vom WDR aufgenommen. Also, lieber Karl Lagerfeld, hier mein Spezialtipp für die Bühnenmusik zur Vorstellung ihrer nächsten Frühjahrskollektion.

Katharina Apostolidis in nmz 4/05

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Michael Gregor Scholl, Concert für Violoncello und Kammerorchester

Tonger, Köln 2004, 22,00 €

Vorbei die Zeiten, da Neue Musik als hermetischer Begriff die Gemüter beunruhigte und manch seltsame Elitenbildung bewirkte. Hinter Webern, so sprach einst Feuerkopf Stockhausen, dürfe niemand zurückfallen. Gewiss gibt es keinen Grund, eine solche Haltung nachträglich zu belächeln, entsprang sie doch dem legitimen Bedürfnis der Nachkriegsgeneration, ästhetisch denkbar avancierte Standpunkte einzunehmen, um jeder Verflachung des musikalischen Geschmacks und damit der Gefahr politischer Instrumentalisierung entgegenzuwirken. Dennoch war es, rückblickend betrachtet, wohl nur eine Frage der Zeit, bis junge Komponisten das Wagnis eingehen würden, Musik zu denken und zu schreiben, die zumindest die Chance birgt, wieder ein größeres Publikum zu erreichen, ohne sich deswegen am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren zu müssen.

So entstand seit den 1970er Jahren ein breites musikalisches Spektrum, geprägt von jener neu­en, postdarmstädtischen Gestaltungsfreiheit. Die Kategorie des Fortschritts — bis dahin wesentliches Moment linker Kulturkritik — verlor an Glaubwürdigkeit, Modernität war keine greifbare Größe mehr. Dass sich in einer solchen Konstellation selbst das vertraute Modell der Progression eines Schülers über den Standort seines Lehrers hinaus ins Gegenteil verkehren kann, lässt sich an der Musik des 1964 geborenen Michael Gregor Scholl im Vergleich zu der seines 2003 verstorbenen Lehrers Bojidar Dimov ablesen. Stand der Wahlkölner Dimov auf dem Boden serieller und experimenteller Tendenzen, so pflegt Scholl eine "demonstrative Romantik", eine von heftiger Sehnsucht nach dem romantischen Gestern geprägte Attitüde, die sich dem Leser der vorliegenden Partitur sogleich aus sprachlichen Anachronismen erschließt:

Scholl wirkte, so das Vorwort, als "Componist" in "Cöln", in seinem neuen "Concert" sind unter anderem "Hoboen" besetzt, und auch die Widmung an den Uraufführungssolisten gefällt sich in altertümelnder Diktion: "Herrn Guido Schiefen in alter Freundschaft ergebenst zugeeignet".

Dem 2004 uraufgeführten Werk liegt eine schumanneske Formkonzeption zugrunde: Drei — dem traditionellen Schnell-langsam-schnell-Schema entsprechende — Sätze ("Rasch, mit Feuer", "Langsam, versunken, zart", "Mäßig schnell, kantig heiter") gehen nicht nur ohne Pause ineinander über, sondern basieren auf einer gemeinsamen motivisch-thematischen Ur-Idee, die jeweils zu Beginn der Sätze vom Solocello vorgetragen wird. Die orchestrale Koloristik schlägt einen Bogen von der sparsamen Bläserbesetzung der Frühklassik — zwei Oboen, zwei Hörner — über ein gelegentlich romantisch aufgefächertes Streichorchester bis zum — gemessen am sonstigen Rahmen — umfangreichen Schlagzeug, das sehr raffiniert und an keiner Stelle um des "Lärms" willen eingesetzt wird. Die Bahnen der Funktionsharmonik nie verlassend, entwickelt das Werk eine kraftvolle, Dissonanzen keineswegs scheuende Sprache, und da der Solopart alles bietet, was Herz und Hände eines virtuosen Cellisten erfreut, spricht nichts gegen einen Erfolg des neuen Konzerts ... wobei es gewiss lohnt, über den Faktor Ironie in der Musik Michael Gregor Scholls einmal gesondert nachzudenken.

Gerhard Anders in Das Orchester, Juni 2005

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Jürgen Golle, Pastorale für Oboe (Klarinette/Saxofon in B) und Streichorchester

Tonger, Köln 2004, 12,00 €

Ein friedvolles Hirtenidyll mit leicht bukolischem Einschlag, so stellt man sich gemeinhin eine Pastorale für Oboe mit Streichorchester vor. Genau dieses Klischee bedient Jürgen Golle mit seiner jüngst erschienenen Komposition. Golle ist ehemaliges Mitglied des Thomanerchors und seit 1967 an der Pädagogischen Hochschule in Zwickau (jetzt TU Chemnitz) in den Fächern Musiktheorie und Tonsatz tätig. Seit 1993 ist er dort Professor.

Zweifelsohne versteht Jürgen Golle sein Handwerk: Knapp 250 Takte umfasst die einsätzige, durchkomponierte Pastorale. Klar strukturiert ist die Form mit dem pastosen A-Teil im moderaten 6/8- bzw. 9/8-Takt, dem bewegten B-Teil und dem finalen A­Teil, der am Ende Motive des B-Teils aufgreift und so zu einer Synthese der Grundelemente führt. Die handgeschriebene, aber durchweg exzellent lesbare Partitur ist zum Studium für Schüler ab der unteren Mittelstufe gut geeignet. Die wenigen Läufe der Oboenstimme liegen technisch gut und auch an die Streicher werden keine allzu großen Anforderungen gestellt. Die Stimmen bewegen sich durchweg im Bereich der ersten bis dritten Lage. Die Violinen und Celli spielen teilweise getrennt, sodass eine Ausführung mit solistischer Streichquartettbegleitung nicht realisierbar ist. Eine doppelte Quartettbesetzung mit Kontrabass ist das Minimum an Besetzung. Aufgrund des lyrischen Charakters kann jedoch eine Kammerorchesterbesetzung nur von Vorteil sein.

Schlicht und von Dur-Moll­Tonalität geprägt ist die harmonische Schreibweise. Aus dem Motiv des aufsteigenden Moll-Dreiklangs entwickelt sich das melodische Material des gesamten ersten Teils. Hier kann die Oboe mit satten Kantilenen für sich gewinnen. Da Oboe und Streicher in ständigem Wechsel stehen, ist dank der daraus resultierenden Pausen auch bei Anfängern der Ansatz nicht überstrapaziert. Der in der Mitte stehende Allegro-Teil ist rhythmisch geprägt von Wechseln zwischen 6/8-, 3/4- und 3/8-Takt. Das streng viertaktige Thema mit seinen aus einem Liegeton sich entwickelnden Sechzehnteln wird im Sinne einer klassischen Durchführung verarbeitet und durch benachbarte Tonarten geführt. Anklänge an die Kirchentonarten sorgen nicht nur für reizvolle Varianten, sondern vereinfachen dank entfallender Vorzeichen auch noch die Technik. Hier kommt am Ende eines strettaähnlichen Laufes auch einmalig das e3 auf der Oboe vor; der gesamte Rest des Stücks bewegt sich im Raum der ein- und zweigestrichenen Oktave in überwiegend gut spielbarer Mittellage.

Neben der Fassung für Streichorchester existiert auch eine Fassung für Oboe und Orgel bzw. Klarinette/Saxofon in B und Orgel. Aufgrund seines geschlossenen Charakters und der Kürze des Stücks ist es z. B. auch im Rahmen eines Gottesdienstes sehr gut einsetzbar.

Marie-Theres Justus-Roth in Das Orchester, Juni 2005

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Ivan Shekov, Metamorphose für vier Blockflöten

Tonger Verlag

Der Titel des Werkes ist Programm für seine Erzählstruktur. Die "Metamorphose" vollzieht sich hier an einem einfachen Sekundmotiv, das sowohl horizontal als auch vertikal im Ensemble aufgefächert wird. In der Verarbeitung und allmählichen Erweiterung dieses Motivs erweist sich der bulgarische Komponist Ivan Shekov (*1942) als äußerst kreativ und fantasievoll. So verwandelt sich die düstere Ausgangsstimmung des Adagio molto rubato im Finalsatz in einen wilden Tanz, dessen markante Rhythmen auf die bulgarischen Wurzeln des Komponisten verweisen.

Der erste Eindruck des Werkes, den man durch das übersichtliche Notenmaterial und die nicht all zu schwierigen Einzelstim­men erhält, trügt ein klein wenig. Denn die Spieler müssen z. T. Läufe nahtlos und ohne Registerbrüche unter den Stimmen weiterreichen.

Und auch in der klanglichen Balance hält das Werk durch eine sehr dominante 1. Stimme so manche Klippe bereit. Auf dieser Basis setzt das Stück ein hohes Maß an Ensembleerfahrung voraus, um letztendlich zu einer schlüssigen Interpretation finden zu können.

Accort 23

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Peter Hoch, ... in die Luft gezeichnet (1993) für Blockflöte, Querflöte und Klavier (Cembalo), Partitur und Stimmen

Tonger, Köln 2003, 21,60 €

... in die Luft gezeichnet: So poetisch wie der Titel ist auch die zu Grunde liegende Idee des Stücks. Peter Hoch stimmt die InterpretInnen im Vorwort folgendermaßen ein: "Musik ist ein Luftgebilde, ein flüssiges Medium, ein luftiges."

Des Weiteren betont er die Bedeutung der Stille als Projektionsfläche der Musik und Hülle für musikalische Wertgegenstände. Peter Hoch versteht Musik als etwas, das durch den Atem in die Luft geschrieben wird. Damit begründet er die Wahl der Instrumente Blockflöte und Querflöte, unterstützt durch das Klavier. Die Instrumente "zeichnen" Schwingungen, verändern sie durch Klangfarben und vermitteln sie an ein Gegenüber - so Peter Hochs Gedanken.

Diese Besetzung kommt äußerst selten vor. Die weit entfernten Klänge von Blockflöte und Klavier sind wegen des unterschiedlichen Obertonreichtums schwer zu kombinieren. Auch an die aus gleichem Grund problematische Verbindung von Querflöte und Blockflöte haben sich bisher nur wenige Komponistlnnen herangewagt. Die Zusammenstellung dieser Instrumente als Trio ist mir hier zum ersten Mal begegnet. Allerdings nennt der Komponist ein Cembalo oder ein Akkordeon als mögliche Alternativen zum Klavier.

Peter Hoch löst die problematischen Voraussetzungen geschickt. So stellt er im ersten Satz die Instrumente zunächst einzeln vor. Diese Soli von jeweils einer Seite bestehen aus kurzen Fragmenten: impressionistisch anmutende, nach Art von Arpeggien sich verfärbende Akkordklänge des Klaviers; sprunghafte Sechzehntelfiguren der Querflöte über drei Oktaven. Dagegen herrschen im Klangbild der Blockflötenstimme eher punktuelle Repetitionen vor, durchsetzt von virtuosen Motiven sowie Liegetönen in Extremlagen mit dementsprechend gegensätzlicher Dynamik. Der erste Satz endet mit der Überlagerung dieser "Luftgebilde" nach dem Zufallsprinzip: Die Instrumente wiederholen die Fragmente in beliebiger Reihenfolge und improvisieren das Zusammenspiel. Dieser Satz bietet den InterpretInnen die größte Freiheit in der Gestaltung und lässt erkennen, dass sich Peter Hoch nicht nur mit Komposition, sondern auch mit musikalischer Grafik und freier Improvisation auseinander gesetzt hat. Dagegen sind die beiden weiteren Sätze durchkomponiert. Der zweite Satz ist weitgehend ruhig gehalten. Sich nur langsam verformende Klangflächen der drei Instrumente gewinnen durch Mehrklänge, Luftglissandi und Wispertöne an Farbe. Durchbrochen werden sie von lebendigen, virtuosen Motiven und perkussiven Achteln, die nach Art eines Hoketus durch alle Stimmen wandern. Der durchweg virtuose dritte Satz wird dem Titel "tänzerisch, burlesk" mit entsprechender Rhythmik und teils sprunghafter, teils flüchtiger Gestik gerecht.

Peter Hoch studierte Komposition bei Karlheinz Stockhausen und Henri Pousseur in Köln und war bis zum Jahr 2001 stellvertretender Direktor der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen.

Lucia Mense

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Ferdinand Weiss, Eine musikalische (S)Tiergeschichte für Sprecher und Blockflötenquartett

Tonger, Köln 2005, 30,60 €

Ferdinand, der junge Stier, ist nicht wie die anderen jungen Stie­re: Statt zu rangeln und zu kämp­fen sitzt er lieber ruhig unter einer Korkeiche und schnuppert an den Blumen, ungeachtet der Besorg­nis seiner Mutter, er könne zu ein­sam werden. Klar, dass das nichts werden kann, als man ihn - auf­grund grober Fehleinschätzung seines Charakters - in die Stier­kampfarena nach Madrid bringt: Ferdinand setzt sich ruhig in den Sand und schnuppert angesichts der frustrierten Stierkämpfer nach den Blumen im Haar der Damen. und so bringt man ihn denn zu­rück unter die Korkeiche, wo er wohl heute noch seiner kontemp­lativen Lieblingsbeschäftigung Lucia Mense nachgeht.

Diese in reizender Harmlosigkeit erzählte Geschichte (nach The Story of Ferdinand von Munro Leaf) liegt einer Komposition aus dem Jahr 1991 von Ferdinand Weiss zugrunde, die Klaus Lüchte­feld in der Reihe "Accort — Neue Musik für Blockflötenensemble" herausgegeben hat. Weiss lässt das Geschehen darin abschnittsweise von einem Sprecher (des­sen Part auch ein Flötist überneh­men könnte) erläutern und illust­riert die Handlung dann musika­lisch. Es hat durchaus seine komi­schen Seiten, wie die Kampfakti­vitäten junger Bullen auf der Wei­de ausgerechnet durch vier Block­flöten beschrieben werden, wie die Fahnen im Trillerwind flattern und der verzweifelte Torero sein Elend durch mit Trompetenansatz gespielte Blockflötenfußstücke in die Welt schreit...

Kompositorisch arbeitet Weiss mehr mit Effekten als mit Harmo­nien; wenn auch nicht ganz frei­tonal, so leben die meisten der 20 kleinen Stückchen, aus denen das Werk besteht, doch mehr von ih­rer klanglichen Wirkung als von der melodisch-harmonischen. Da­für setzt der Komponist verschie­denste Klangmöglichkeiten der Flöte ein, wie das Spielen nur mit Kopfstück, ohne Kopfstück, Spalt­klänge, Glissandi und Ähnliches. Raffiniert nutzt Weiss auch eine Art von Leitmotivik, indem er be­stimmten Situationen (wie dem Blumenschnuppern) bestimmte Charakteristika in Taktmaß, Phra­sierung oder Rhythmik zuschreibt, die dann an ähnlichen Stellen wie­der auftauchen. Das wirkt in diesen Miniaturen recht witzig und erleichtert den Zugang zur Kom­position.

Der Anspruch an die SpielerInnen ist in jeder Stimme etwa gleich, insgesamt jedoch relativ hoch. Da sind zum einen die oft nicht ganz leicht zu greifenden Tonfolgen, die in sehr lebhaftem Tempo getrof­fen sein wollen; dazu kommen aber vor allem rhythmische Fines­sen in vielfach nicht mensurierter Notation. Aufgrund der vielen dynamischen Differenzierungen, gepaart mit chromatischen und scharf dissonanten Stellen dürfte auch die Intonation nicht ganz leicht fallen.

Ein Ensemble sollte für dieses Werk mit Flöten gut bestückt sein, denn die Besetzung wechselt von Abschnitt zu Abschnitt 1. und 2. Spielerin S/A/T, 3. S/A/T/B, 4. T/B). Ein Stück also, das ein Blockflötenquartett bei der Ein­studierung sicherlich fordern wird. Doch die Mühe lohnt: Allein schon durch den Charme des Tex­tes wird diese komponierte Ge­schichte den Beifall auch eines zeitgenössischer Musik gegen­über nicht so aufgeschlossenen Publikums finden; und dieses wird sich leichter für die Klang­lichkeit der neuen Musik erwär­men und sich bei mehrmaligem Hören auch daran gewöhnen kön­nen. Hoch lebe Ferdinand, der kontemplative Stier!

Andrea Braun

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Alois Bröder, Schattenlicht: 6 "viel zu schwere Stücke" für junge Pianisten

Tonger, Köln 2005, 12,-/18,- €

Im Werkverzeichnis des 1961 in Darmstadt geborenen Komponisten Alois Bröder findet sich neben Werken für Orchester, Ensemble und kleinere Kammermusikbesetzungen, Vokalmusik und elektronischer Musik auch eine ganze Reihe von Kompositionen, die un­ter der Überschrift "Musik für Kinder und Jugendliche" zusammengestellt sind. Das lässt vermuten, dass es Bröder ein besonderes Anliegen ist, Kindern und lugendlichen Neue Musik verständlich zu machen und nahe zu bringen. Im Kölner Verlag Tonger sind nun unter dem Titel Schattenlicht die bereits 1992 entstandenen und ein Jahr später uraufgeführten "sechs 'viel zu schwere(n) Stücke' für junge Pianisten", wie Alois Bröder im Untertitel hinzufügt, erschienen. Die Edition erfolgte in zwei Versionen: Neben der reinen Notenausgabe liegt eine von Susanne Resch illustrierte Fassung vor, deren in Aquarelltechnik gestaltete bildliche Deutungen einen visuellen Einstieg in die Stücke anbieten. Die Anknüpfungspunkte der Illustrationen an die Musik sind unterschiedlicher Natur: Mal wird der musikalische Charakter in eine außermusikalische Idee überführt, mal die kompositorische Struktur oder die Spielbewegung in einem Emblem konkretisiert.

Die sechs atonal konzipierten Kla­vierstücke sind traditionell no­tiert, melodisch und rhythmisch gut erfassbar, unter technischem Aspekt nicht schwer zu nennen: Es ist keine typisch pianistische Virtuosität gefordert. Auch wenn die Stücke alle Register der Kla­viatur einbeziehen, kommt man abschnittweise mit jeweils einer Handposition aus, auch sind kei­ne großen Hände nötig. Allerdings müssen die Stücke gestaltet wer­den, die wenigen Töne der filigra­nen Zweistimmigkeit des ersten Stücks müssen dynamisch und agogisch auf den Punkt gebracht sein, damit sich der gewünschte wiegende Charakter einstellt. Um die konträren Elemente des zwei­ten Stücks (harte Staccato-Bässe, eine Kantilene und eine Walzer-Reminiszenz) auch für die HörerInnen erlebbar zu machen, braucht es eine klare Unterschei­dung durch den Interpreten; hier­für sicherlich hilfreich sind geo­metrische Zeichen, die den Notentext zusätzlich erläutern. Das dritte Stück, ein schnelles Perpetuum mobile, ist in seiner Unregelmäßigkeit vielleicht das schwerste der Sammlung. Die bildnerisch assoziierten Naturphänomene der letzten drei Stü­cke - Blitz, Vulkan und Sonnenun­tergang - sind wertvolle Hilfen, das von Alois Bröder unter pianis­tischen Ansprüchen bewusst überschaubar gehaltene Material zum Klingen zu bringen. Eine He­rausforderung!

Ich empfehle, für die Arbeit mit Schülerinnen die illustrierte Ausgabe zu wählen.

Maria Zeidler-Kröll

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Hans-Klaus Langer, Overtura für Blockflötenorchester

Tonger Verlag

Hans Klaus Langers im Jahr 1962 entstandene Overtura giocosa in C ist wahrlich ein Stück, das Spaß macht. Durch raffinierte Registrierungen, eine reiche Fülle an kontrastierenden Themen und Motiven und schnelle Taktwechsel erzeugt Langer (1903—1987) die unterschiedlichsten Klangfarben und Stimmungen.

Aufgrund der immensen Stimmenanzahl - vom ersten Sopranino bis zum Großbass sind zwölf unterschiedliche Partien beteiligt - und der Fülle an Rhythmen und Taktarten erweist sich das Werk als äußerst probenintensiv. Ohnehin empfiehlt es sich, das Stück mit einem Dirigenten einzustudieren und aufzuführen. Dennoch lohnt sich die Arbeit, denn es ist ein Kleinod voller Leichtigkeit, Witz und Charme.

Die Einzelstimmen weisen bisweilen winzige Notationsungenauigkeiten auf. So ist beispielsweise einmal eine Pausenstrecke von acht Takten ausgewiesen, ohne darauf hinzuweisen, dass das Taktmaß ständig zwischen 3/4- und 4/4-Takt hin- und herpendelt. Derartige Kleinigkeiten schmälern das Vergnügen jedoch nicht im Gering­sten.

Tonger Accort 18

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Isaac Aibéniz, Torre bermeja, Serenata

P.J. Tonger, 3202-1 PJ.T.

Besetzung: Gitarre solo. inhalt: Torre bermeja, aus Piezas caracteristicas, op. 92/12. Bearbeitung:Thomas Königs; original für Klavier. Umfang: 10 Seiten. Spielniveau: Oberstufe. Web: www.tonger.de, www.thomaskoenigs.de. Kommentar (Zamba granadina und Torre bermeja): Scordatur 6. Saite nach D. Zwei erfreuliche Einrichtungen für Gitarre, die Stimmung und Wirkung der Stücke mit der Spielbarkeit und der Überzeugungskraft der Gitarre sinnvoll miteinander verbinden. Sehr guter Fingersatz, der sowohl die Stimmführung, als auch die Problematik der Greifsituationen und Griffwechsel berücksichtigt.

Th. Reuther

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